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Das "Who is Who" der Slammer-Szene

Knie an Knie drängen sich die Menschen in den Reihen. Gemurmel durchzieht den Raum – man kann die Vorfreude auf das, was gleich kommt, förmlich spüren. Kaum ein Platz ist frei im Regensburger Audimax. So voll ist der Hörsaal tagsüber wohl nie. Dann beginnt das Spektakel. Rund 1400 Zuschauer hängen an den Lippen der Poeten. Mal sind die Texte zum Schreien komisch, mal nachdenklich und mit politischem Statement, mal herrlich satirisch. Die Show ist hochkarätig besetzt. Und die Menge tobt.

Anni Hengst


Die Pädagogin aus Regensburg ist der Meinung, dass jeder bei einer solchen Veranstaltung etwas lernen soll. Deshalb brachte sie dem Publikum zu Beginn erst einmal bei, wie man eine Schildkröte in Gebärdensprache darstellt. In ihrem Text "Dinge, die ich hasse" beschäftigte sie sich dann aber mit ganz anderen Dingen: Menschen, die zu spät kommen beispielsweise.


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Kaleb Erdmann


Den Frankfurter beschäftigt die Ungerechtigkeit in dieser Welt: "Wieso muss ich auf Poetry Slams auftreten, während DJ Bobo reich ist?" Auch der Satz, er solle froh sein, dass er in die Schule gehen darf, überzeugt ihn nicht: "Das hat meinen Mathelehrer nicht zu einem weniger sadistischen Menschen gemacht." Seine Pointe ist klug: Leid lasse sich nicht zählen, nicht aufwiegen, nicht verrechnen - jedes Leid sei anders und gehöre sich grundsätzlich abgeschafft.

Im Halbfinale widmet sich Erdmann der Kunst. Man könne sie nicht erlernen und man werde sie später auch nicht im Bewerbungsgespräch brauchen. "Kunst ist schwierig, sie erfordert Beschäftigung. Und sie hat keinen Zweck. Sobald es einen Zweck hat ist es ein ... Schnellkochtopf. Und keine Kunst mehr."


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Thomas Spitzer, den eine Kollegin witzelnd als "Bub von der Kinderschokoladen-Verpackung in erwachsen" bezeichnet, hat die Poetry-Slam-Szene in Regensburg zusammen mit Urgestein Ko Bylanzky groß gemacht. Der monatliche Slam in der Alten Mälzerei feiert in diesem Jahr 15-jähriges Jubiläum. Im letzten Jahr war die Domstadt Austragungsort der deutschsprachigen U20-Meisterschaften - mit großem Erfolg. Selbst Marc Kelly Smith aus Chicago, der Erfinder des Poetry Slams, gab sich die Ehre.

Auch bei Spitzer selbst gibt es etwas Neues: Im Sommer 2014 war er mit dem Goethe Institut als erster Poetry Slammer überhaupt in China. Dort gab er Seminare und Lesungen, die er in seinem Buch "Goethe, Schiller, Chinakohl - Als Humorbotschafter im Land des Lächelns" verarbeitet hat. Im Oktober 2016 soll es erscheinen, die Regensburger dürfen aber schon im Mai den Texten lauschen.

Auf Facebook schreibt Thomas Spitzer, die Poetry Slammer von heute seien die Kabarettisten, Comedians und Liedermacher von Morgen. Damit hat er augenscheinlich Recht. Schon lange nicht mehr haben sich so viele Menschen für Poesie begeistert.


Team Interrobang


Beim "Master of the Uni-Vers" gab es in diesem Jahr eine Premiere: Zum ersten Mal stand ein Team auf der Bühne. Die Schweizer erteilten eine Lektion zum Thema "Raubtiere im Großstadtdschungel". Präsentiert wurden Abwehrstrategien gegen den gemeinen Spendeneintreiber. Die reichten von "vernichtendem Rappen", über Jammern und Gegenargumentieren ("Ich möchte aber nur die süßen Pinguine retten") bis hin zu Operettengesang.



Die in Berlin lebende Österreicherin war wohl die schillerndste Bühnenfigur dieses Abends. Look und Attitüde passten zum Auftritt: Gekonnt böse, spitzfindig und sprachgewaltig trug sie ihre Texte vor. Eckhart führte Alltagssituationen ab absurdum. Im Disneyland verkürzt sie sich die Wartezeit mit bitterbösen Streichen, die nicht nur Eltern aus der Fassung bringen.

Die Warteschlange am Louvre in Paris löst sie auf, indem sie Touristengruppen mit einem Regenschirm in die Seine lockt. Für das Alter mitreisender Rentner hat sie eine Rechenformel aufgestellt: "Die Anzahl der Altersflecken mal Pi geteilt durch die Anzahl alter Menschen, mit denen sich die Person umgibt" - stilvoll beleidigt Lisa Eckhart alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Auch einen Einblick in ihr Privatleben gibt sie: "Das wollt ihr doch, ihr fragt euch doch, wie die Eckhart privat so ist". Was dann folgte, war eine Utopie über den Müll. Ihre Wohnung sei so vermüllt und verschimmelt, dass der Abfall schon ein Eigenleben führe: "Du denkst du bist Messie, aber ich bin Messias!" Am Ende kürte das Publikum sie zum Vize-Master.


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Andy Strauß


Der "Master of the Uni-Vers" ist inzwischen zu einer Institution in Regensburg geworden. Wer nicht schnell ist, der wird das regelmäßig ausverkaufte Audimax nur von außen zu Gesicht bekommen. Was Thomas Spitzer - inzwischen ein Promi in Regensburg, der seine Mission, die moderne Poesie in die Welt zu tragen, unermüdlich weiterverfolgt - dort auf die Beine stellt, kann sich sehen lassen.

Poeten aus dem ganzen deutschsprachigen Raum reisen an, die Liste liest sich wie das "Who is Who" der Slammer-Szene. Lisa Eckhart, Kaleb Erdmann, Andy Strauß, Jason Bartsch - fast jeder von ihnen hat schon einmal eine Meisterschaft gewonnen.


Lisa Eckhart

Pascal Simon


Dementsprechend hoch ist das Niveau. Kaleb Erdmann fragt sich in seinem Text "Wie viel mal Bus verpassen sind einmal Ebola?", ob man Leid gegeneinander aufwiegen an. Er kommt zu dem Schluss: Nein, Leid gehört einfach beendet. Das Duo "Team Interrobang" aus der Schweiz nähert sich in rappender, tanzender und Operetten singender Weise der Frage an, wie man dem gemeinen Spendeneintreiber, einem Raubtier des Großstadtdschungels, Herr werden kann. Das Publikum klatscht schließlich Lisa Eckhart und Jason Bartsch ins Finale.

Eckhart, die die Süddeutsche Zeitung als "teuflisch gut" bezeichnet, begeistert mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Am Ende muss sie sich aber gegen Jason Bartsch geschlagen geben. Mit einer nachdenklichen und rührenden Geschichte über einen Greis, der seine Frau bis zu ihrem Tod pflegt, kann er das Publikum überzeugen.



Der Regensburger Student beschäftigte sich mit Rache, genauer gesagt der sogenannten Präventivrache, die schon vorsorglich verübt wird, bevor ihm jemand etwas angetan hat. "Ich werde mich rächen: die Küche aufräumen, das Bad putzen, die Wäsche waschen ... Mama! Du hast schließlich angefangen."

Worauf er aufmerksam machen wollte: Es gibt kein Wort für das Gegenteil von Rache. "Vielleicht, weil wir das so selten machen", gab er zu bedenken.


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Andy Strauß wurde als eine Koryphäe des Poetry Slams angekündigt und machte diesem Titel alle Ehre. In packenden Vorträgen berichtete er von seinem Motiviations-Mantra, das ihn aus der Depression zum Jahresbeginn holt: "Es heißt ja schließlich JA-nuar. Das muss gut sein, sonst würde es NEIN-uar heißen." Den Kopf in den Sand zu stecken, sei ja sowieso nicht möglich: "Denn der Boden ist gefroren."


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Sheila Glück


Die Regensburgerin verlas einen Text über Akzeptanz, nachdem ihre veganerfeindlichen Witze in Berlin nicht gut angekommen seien. Es ging um die Akzeptanz ihres eigenen Körpers: "Ich habe akzeptiert, dass meine Oberschenkel aussehen wie eine Teewurst. Aber stellt euch mal vor, wie euch eine Teewurst erschlägt. Das stelle ich mir ziemlich schmerzhaft vor - vor allem für Veganer."


Jason Bartsch


Bartsch verzückte das Publikum zunächst mit Witzen über die eigene Körpergröße. Eine gelungene Überleitung zu seinem Text "Im Kleinen fängt es an, im Großen hört es auf", der von den Problemen in der Welt handelte, zu deren Lösung ein jeder etwas beitragen könne. Im Halbfinale konnte er sich mit einem Text über Humor gegen Andy Strauß durchsetzen, ehe er dann das Finale mit einem rührenden Text über einen Greis, der seine Frau bis zum Tod pflegt, gewann und sich jetzt "Master of the Uni-Vers" nennen darf.

 

Fotos: Christoph Aschenbrenner

Text: Katharina Ziegler


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Die Poeten im Überblick


Beim "Master of the Uni-Vers" herrscht ein K.O.-Modus. Anders als bei den Mälze-Slams gibt es hier keine zeitliche Begrenzung für den Auftritt. Bedingung ist aber auch hier, dass die Texte selbst geschrieben sind und keine Hilfsmittel benutzt werden. Wir haben die Auftritte der neun Poeten zusammengefasst.


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